Die Französische Verbindungsmission in Potsdam
MMFL
In den Jahren 1946/47 wurden zwischen den Westmächten USA, Großbritannien und Frankreich als Besatzungsmächte in Deutschland 3 bilaterale Verträge geschlossen, die auf der Basis der strikten Gegenseitigkeit die
Errichtung von Verbindungsmissionen beim jeweiligen Hauptquartier vorsahen.
Auf diesem Wege sollten direkte Kontakte zwischen den entsprechenden militärischen Führungsinstanzen sowie die Lösung etwaiger Probleme untereinander
vereinfacht werden. Dies betraf vor allem die Anwesenheit
Angehöriger der einen Besatzungsmacht in einer anderen Besatzungszone.
Dementsprechend entstand im April 1947 nach der Übereinkunft zwischen dem französischen General
Noiret und dem sowjetischen General Malinin als Unterzeichner die Französische Militärverbindungsmission in Potsdam, während die sowjetischen Truppen ihre Verbindungsmission beim französischen Oberkommando in Baden – Baden
errichteten( 18 Personen davon 6 Offiziere). Die USA und Großbritannien hatten entsprechende Abkommen mit den Sowjets bereits im September 1946 geschlossen ( Brixmis und USMLM). Die Missionen wurden in Potsdam eingerichtet, da das
sowjetische Oberkommando sich in Wünsdorf befand. Das gesamte Gebiet um diese Einrichtung wurde von den Sowjets zum Sperrgebiet erklärt, was dazu führte, dass die Westalliierten den Kontakt mit den Russen über einen Verbindungsstab für
Außenangelegenheiten in einer Potsdamer Villa halten mussten..
Die Verbindungsmissionen hatten quasi diplomatischen Status: Bewegungsfreiheit, Exterritorialität des Sitzes, Immunität für das Personal und seine Angehörigen. Die
Unverletzlichkeit der Dienstfahrzeuge war vertraglich nicht garantiert, wurde aber in der Regel bis auf mehrere Ausnahmen respektiert.
Die französische Mission besaß davon 8 Stück: anfangs Opel Kapitän, später Opel Admiral, Mercedes 280
E, Range Rover und Mercedes 280 G. Die gelben KFZ- Kennzeichen der Franzosen trugen 30er Codenummern, Brixmis 1-19, USML 20er Nummern, Sowjets Hannover (bei GB) 40er, Frankfurt (US) 50er, Baden-Baden (FR) 60er Nummern. So waren
die Fahrzeuge anhand der Kennzeichen sofort ihren Standorten zuzuordnen.
Die Fahrzeuge wurden technisch und militärisch für ihre Aufgaben im Quartier Napoleon hergerichtet. Die Aufhängung wurde verstärkt, alle gefährdeten Bereiche durch
Verkleidung mit Stahlplatten gegen Waffeneinwirkung gesichert, Tankinhalt und Inneneinrichtung den Bedürfnissen und Aufgaben angepasst. Die Lichter konnten einzeln geschaltet werden, um nachts auf Distanz als Zweirad durchzugehen. Zur
Ausrüstung gehörten u. a. auch spezielle Schlafsäcke, die Übernachtungen selbst unter extremsten Bedingungen erlaubten, sowie besondere Überlebensrationen und eine spezielle Erste- Hilfe- Ausrüstung. Die bis an die Oberkante beladenen
schweren khakifarbenen Fahrzeuge, deren Insassen sich rundum mit Vorhängen hermetisch dem Blick von außen entziehen konnten, gaben beim Gegner allerlei Anlass zu Spekulationen und Legenden.
Die Wartung der Missionsfahrzeuge
erfolgte bei der Instandhaltung ebenfalls im Quartier Napoleon. Die Benutzung von Privatfahrzeugen war den Missionsangehörigen untersagt. Jedes akkreditierte Missionsmitglied erhielt einen Sonderausweis (russ. Propusk). Die Briten
erhandelten für sich 32, die Franzosen 18 und die Amerikaner 17 Propusk. Nur mit diesem genossen sie Immunität und konnten alle Kontrollpunkte in der sowjetischen Zone nach Westberlin oder nach Westdeutschland problemlos
passieren. Kontrollen durften nur speziell autorisierte Angehörige der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland vornehmen, die zudem der örtlichen Kommandantur angehören mussten. Eine Durchsuchung von Personen und Fahrzeugen,
ein Festhalten oder eine Verfolgung waren normalerweise obsolet. Angehörige der DDR-Staatsmacht hatten überhaupt keine Exekutivrechte gegenüber Angehörigen der Verbindungsmissionen und mussten immer die lokale sowjetische Kommandantur
alarmieren, die dann ihrerseits die Bearbeitung des angezeigten Vorfalls übernahm. Bei groben Verstößen gegen die Verträge und Übereinkünfte wurde die entsprechende Person durch das sowjetische Hauptquartier als unerwünscht erklärt und
musste den Propusk abgeben, sowie die Mission verlassen.
Der sowjetische Verbindungsstab war vereinbarungsgemäß ursprünglich auch für die Versorgung der Angehörigen der Missionen zuständig. Das führte vor allem in der Nachkriegszeit
wegen der schlechten Versorgungslage bei den Sowjets zu argen Engpässen und war bis in die achtziger Jahre spürbar.
Die französische Mission war anfangs in Potsdam-Wildpark in 5 großen von den Sowjets beschlagnahmten Villen
untergebracht, davon 4 als Wohnhäuser. Die Lebensumstände waren für die Missionsangehörigen und ihre Familien extrem spartanisch und unwürdig. Einerseits entsprachen die von den Sowjets gelieferten Nahrungsmittel weder dem französischen
Geschmack noch den damals gültigen Versorgungsnormen, anderseits war die Mission durch die große Distanz zur nächsten französischen Einrichtung ziemlich auf sich gestellt.
Wegen der Kriegsfolgen fehlte es an jeglicher Möglichkeit
der Freizeitgestaltung. Mit Zunahme der Spannungen, die mit der Blockade 1948/49 ihren ersten Höhepunkt erreichten, wuchs die Isolation und die Angst vor einem Krieg der Blöcke mit einer Eroberung Westberlins.
Um bei einem
Verteidigungsfall frühzeitig informiert zu werden, erhielten die Missionsangehörigen von diesem Zeitpunkt an den Auftrag, Aufklärungs- Maßnahmen in der Sowjetzone in Bezug auf Angriffsvorbereitungen durchzuführen. Bei der Bearbeitung der
vertraulichen Informationen und Aufklärungsergebnisse stellte sich heraus, dass die sowjetischen Geheimdienste die Missionen elektronisch überwachten und durch installierte Abhörgeräte sowie durch Einschleusung von Agenten in das Personal
sowie Beschattungen der Missionsangehörigen Informationen abzuschöpfen versuchten.
Anfang der fünfziger Jahre wurden deshalb die Familien der Missionsangehörigen in den Französischen Sektor Berlins umgesiedelt, die Amerikaner und
Engländer siedelten die Angehörigen ihrer Missionen ebenfalls in ihre Sektoren um. Damit übernahm auch das französische Militärgouvernement in Berlin die Versorgung der Missionsangehörigen. Wohl oder übel mussten die Sowjets diese neue
Situation akzeptieren. Die MMFL wechselte von Wildpark in zwei Villen in der Seestraße am Heiligen See gegenüber dem Marmorpalais.
Die Brixmis zog ebenfalls in ein größeres Gebäude in direkter Nähe der MMFL.
Lediglich die USML
verblieb in ihrem schlossartigen Gebäude im Norden Potsdams. Letztlich verblieben mit Wohnsitz in der MMFL lediglich jeweils ein älterer Unteroffizier im Ruhestand als Geschäftsträger, der für den Erhalt der Villen und den Kontakt zum
sowjetischen Verbindungsstab zuständig war, sowie zwei Militärangehörige als Chauffeure des Geschäftsträgers. Sie waren ferner für die Verbindung nach Westberlin und die Besorgungen zuständig. Sie steuerten zudem die Einsatzfahrzeuge der
MMFL auf ihren Patrouillenfahrten. Bis 1975 waren es Wehrdienstleistende, danach junge Unteroffiziere, die jeweils für 4 Monate von ihrem Regiment abgestellt wurden.
Nach Verlegung des Personals in das Quartier Napoleon erhöhte sich
die Anzahl der für die MMFL Tätigen von 18 ( davon 6 Offiziere ) gemäß Malinin-Noiret-Abkommen auf 45 Personen ( 9 Offiziere, 26 Unteroffiziersdienstgrade, 7 Soldaten, 3 Zivilangehörige), die aber nicht alle an Operationen in der
Sowjetzone teilnahmen. Die Zahl der Akkreditierten blieb 18. Diese Mitarbeiter wurden nach besonderen militärischen und technischen Kenntnissen und Befähigungen aus allen Waffengattungen sorgfältigst ausgewählt. Beherrschung der
russischen, deutschen und englischen Sprache waren Voraussetzung. Sie mussten ihrem Anforderungsspektrum nach befähigt sein, Erkundungsaufgaben auch unter Gefahren wahrzunehmen, ohne selbst erkannt zu werden. Deshalb kamen die
Missionsangehörigen aus Einheiten, die mit militärischen Aufklärungsaufgaben betraut und erfahren waren: 44. Infanterieregiment, 89. Bataillon de Services ( Sonderdienste),13. Regiment de Dragons –Parachutistes (Fernaufklärer), 1.
Regiment Parachutiste d’Infanterie de Marine, 44. Fernmelderegiment ( Eloka). Unterstützt wurde das Personal auf der Dienststelle im Quartier Napoleon durch Chiffrier/ Dechiffrierspezialisten und durch die Abhörstelle in
der Cité Foch (Escadron Electronique Sol). Die Führung hatte das 2. Büro in Baden-Oos. Oberste Dienststelle in Frankreich ist der staatliche Geheimdienst DGSE (Direction Générale pour la Sécurité Extérieure), ehemals SDECE ( Service de
Documentation Extérieur et de Contre-Espionnage).
Chef der Mission war meistens ein Luftwaffenoffizier im Rang eines Oberst, sein Stellvertreter kam vom Heer. Ihnen stand ein eigenes Sekretariat zur Verfügung. Die Mission teilte sich
dann auf in:
1 Sektion Bodentruppen, 1 Sektion Luftwaffe und 1 Fotolabor mit Auswertungsabteilung. Die Marine war nicht vertreten, da bis 1986 die Ostseeküste Sperrgebiet war, danach wurde die Marineaufklärung der Sektion Bodentruppen
mit übertragen.
Nur der Missionschef und sein Stellvertreter waren zu Verhandlungen mit dem sowjetischen Verbindungsbüro berechtigt.
Die Sektion Bodentruppen z.B. bestand aus:
1 Stabsoffizier als Chef,
2 Subalternoffiziere als Truppführer,
7 Unteroffiziere als Beobachter,
1 Sekretariat mit 2 weiblichen Unteroffizieren und einer Zivilangestellten, zuzüglich die beiden Chauffeure in Potsdam.
Aufklärungsgebiet war die gesamte SBZ/DDR mit Ausnahme der auf offiziellen
regelmäßig aktualisierten Karten eingezeichneten Sperrgebiete der sowjetischen Streitkräfte. Man unterschied permanente und zeitlich begrenzte Sperrgebiete.
1979 z.B. umfassten diese Sperrgebiete ca. 33% des DDR-Territoriums, ab 1986
nur noch ca. 25%. Es gab Zeiten, da verboten die Russen selbst das Befahren der sie begrenzenden Straßen, was die Bewegungsfreiheit der Missionen unerträglich einschränkte.
Das Arbeitsgebiet wurde in 5 Zonen eingeteilt:
a. Lokale Zone (60 km rund um Berlin) als Dauerkontrollzone.
b. Grenzkontrollzone (30 km um Berlin herum)
c. Rest der SBZ/DDR, dieses Gebiet wurde in Zone A, B und C eingeteilt
Die Überwachung der Zonen A, B, C wurde unter den Missionen so aufgeteilt, dass jeweils ein Trupp Bodentruppen der einen und ein
Trupp Luftwaffe einer anderen Nation in der selben Zone operierten.
Aufklärungsziele waren:
1. Aktivitäten: Manöver, Mot.-Märsche, Verlegungen, Transporte, Ausbildungsmaßnahmen, Identifizierung von Einheiten und Material.
2.
Objekte: Kasernen, Einrichtungen, Anlagen, Verladestellen, Übungsplätze, Kampfstände, Führungspunkte (oft wurden nach Manövern Wertvolle vergessene Akten vorgefunden).
Die Fahrzeuge hatten weder Funk noch Telefon an Bord. Die Einsätze
mussten Akribisch vorbereitet werden. Z.B. erfolgte bei Kontrollfahrten in die lokale Zone morgens ein vorbereitender Erkundungsflug durch die Heeresflieger (ALAT), um potentielle Ziele zu erfassen. Gegen 15 Uhr brach dann das Fahrzeug
nach einem sorgfältigen Briefing zu seinem Einsatz auf. Dokumentiert wurde per Video, Fotoapparat, Diktiergerät und Aufzeichnungen. Dabei musste strengstens darauf geachtet werden, dass keine verräterischen Notizen bei einer Entdeckung und
Blockade durch die Sowjets in die Hände des Gegners fielen.
Ein fotografische Gedächtnis und eine gute Erinnerungsgabe waren die beste Versicherung vor bösen Verwicklungen.
Der Zeitpunkt der Rückkehr war meistens ungewiss. Manche
Aufträge dauerten einen, andere zwei Tage. Auf dem Rückweg meldete sich die Besatzung als erstes in Potsdam auf der Mission und erstellte ein Einsatzprotokoll. Zurückgekehrt über die Brücke der Einheit, war die erste Anlaufstation die
amerikanische Mission, die eine Kopie des Protokolls erhielt, danach ging es zum Quartier Napoleon zur Ruhepause. Am nächsten Tag erfolgte die Auswertung der Ergebnisse und der Bericht nach Baden- Oos zum 2. Büro.
Im Westen hatten die
Russen verhältnismäßig freie Hand bei ihren Unternehmungen. Die Franzosen hatten gerade 1 Fahrzeug mit 3 Mann zu ihrer Überwachung zur Verfügung. Selbst Wachposten vor den militärischen Anlagen maßen den Patrouillen wenig Aufmerksamkeit
bei. Im Osten war es das ganze Gegenteil: KGB und MfS versuchten, die Mannschaften lückenlos zu beschatten und ihnen so viele Behinderungen und Schikanen wie nur möglich in den Weg zu legen. Z. B. wurden durch wildes Aufstellen von
Warnschildern künstlich Verbotszonen geschaffen, die nicht in den vertraglichen Karten eingezeichnet waren (s.u.)
Konfrontationen und Spannungen mit den Sowjetischen Truppen waren unweigerlich vorprogrammiert. Bei der Behinderung ihrer
Einsätze kam es von Seiten des „Gegners“ zu unzähligen Blechschäden, durch Blockieren oder abruptes Schneiden. Besatzungen der Brixmis wurden wiederholt von Angehörigen der Sowjetstreitkräfte bedroht, behindert, beleidigt und
angegriffen. Bei den Franzosen wurde u.a. ein Team systematisch in einen Hinterhalt gelockt, von Spezial-Truppen aufgebracht, entkleidet, bis in den Intimbereich hinein entwürdigend gefilmt, und das Fahrzeug regelrecht auseinander
genommen. Die Einsätze haben leider auch zu mehreren tragischen Ereignissen mit Verletzten und Todesopfern geführt. 1960 wurde z.B. Oberleutnant Moser, ein Offizier der MMFL, durch den russischen Postenführer einer Straßensperre durch
Schüsse an der Hüfte verletzt. Im März 1985 wurde Major Nicholson von der USML neben seinem Fahrzeug bei der Observation einer sowjetischen Panzerhalle auf einem Übungsplatz durch einen Wachposten erschossen. Die jungen Russen haben
wiederholt aus Übereifer, Unsicherheit und Angst vorschnell von der Schusswaffe gebrauch gemacht, oft ohne den normalerweise üblichen vorherigen Anruf und Warnschuss. Der schwerste Zwischenfall mit einem Fahrzeug der MMFL ereignete sich im
März 84 in der Nähe von Halle.
Das Patrouillenfahrzeug wurde von einem entgegenkommenden NVA-LKW vom Typ Ural 375 auf einer breiten Landstrasse mit genügend Platz zum Ausweichen durch dessen Wechsel auf die Gegenfahrbahn mit voller
Wucht im wahrsten Sinne von der Strasse gefegt. Sein Fahrer, der Stabsfeldwebel Mariotti, wurde auf der Stelle getötet, der Beifahrer und Fahrzeugführer Hauptmann Staub wurde schwer verletzt in ein deutsches Krankenhaus
transportiert. Vorher konnte er noch dem Beobachter im Team, Stabsfeldwebel Blancheton alle nötigen Instruktionen zum Schutz der geheimen Einrichtungen und Unterlagen im Fahrzeug geben. Dieser, obwohl ebenfalls an Kopf und Arm
verletzt , sicherte das Fahrzeug vor den neugierigen Blicken und Aufklärungs- versuchen der am Ort anwesenden NVA- und MFS-Angehörigen und Sowjetsoldaten bis Hilfsfahrzeuge von der MMFL eintrafen, um das Fahrzeug zu übernehmen.
Proteste beim sowjetischen Oberkommando wurden mit Bedauern zur Kenntnis genommen, nach heutigem Wissen wurde niemals nach einem Zwischen fall ein Sowjetsoldat zur Rechenschaft gezogen. Aus Unterlagen des MfS weiß man heute auch, dass
dieser Zwischenfall von den Russen angeordnet und von der NVA vollstreckt worden ist. Von den Angehörigen der sowjetischen Missionen ist niemand in den 55 Jahren im Bereich der Westzonen verletzt oder getötet worden, weil die Westmächte im
Gegensatz zu totalitären Staaten Gesundheit und Leben immer als höchstes Gut respektiert haben.
Allerdings wurde ein Fahrzeug der MMFL leider auch einmal in einen Unfall verwickelt. Im April 1969 versuchte ein Gefreiter der NVA auf
einem Motorrad, das Fahrzeug des Major Legendre durch ein abruptes Schneidemanöver anzuhalten. Der Fahrer konnte den Wagen nicht schnell genug zum Stehen bringen, der NVA-Soldat wurde tödlich verletzt. Darauf hin schleppten die
Russen das Fahrzeug und die Besatzung zur Kommandantur nach Potsdam, wo sie für 3 Tage festgehalten und verhört wurden. Sie durften auch nicht mit der MMFL Kontakt aufnehmen. Nachdem man dort die Besatzung vermisste, versuchte man,
bei den Russen Auskunft zu erhalten, was aber verweigert wurde. Nachdem die Sowjets der Besatzung gedroht hatte, sie wegen vorsätzlichen Totschlags vor ein ostdeutsches Gericht zu stellen, lies das Oberkommando sie plötzlich nach 7 Tagen
frei und erklärte sie zu unerwünschten Personen. Über den Vorfall wurde eine offizielle Protestnote an die Franzosen gerichtet und die Propusk eingezogen.. Bei einfacheren Zwischenfällen protestierte der jeweilige sowjetische Kommandant
bei den Missionen wegen Verstoßes gegen die Verträge, und man beließ es dabei.
Die Russen befürchteten, dass, wenn sie zu weit gingen, es im Gegenzug auch für ihre Missionsangehörigen in den Westzonen zu entsprechenden Verschärfungen
kommen könnte.
Auf den Fahrten, die vereinbarungsgemäß und zum eigenen Schutz in Uniform stattfanden, hatten die Teams, wie schon gesagt, genaues regelmäßig aktualisiertes Kartenmaterial bei sich, in dem die russischen permanenten
und zeitlich begrenzten Sperrgebiete eindeutig gekennzeichnet waren und in der Regel auch von den Patrouillen respektiert wurden.
Sperrgebiete der DDR-Truppen waren gemäß Malini- Noiret-Abkommen nicht eingezeichnet, und so versuchte die
NVA, möglichst für viele als Übungsplätze genutzte Gebiete und andere Liegenschaften durch Anbringung von Warn- und Verbotsschildern die Einfahrt der Missionsfahrzeuge zu verhindern. Diese nicht vertragsgemäßen Maßnahmen
wurden regelmäßig ignoriert, was wiederum des öfteren zu Verwickelungen führte, da die NVA Herr im eigenen Lande sein wollte und sich gedemütigt fühlte.
1986 wurde das Sperrgebiet Ostseeküste aufgehoben. Da die Franzosen in ihrer
Mission keinen “Seelord“ hatten, wurden die Mannschaften der Bodentruppen fachlich von einem amerikanischen Oberst der Marines beraten und unterstützt.
Die Fahrzeuge der Missionen wurden ab dem Grenzübertritt bzw. dem
Verlassen der Mission vom MFS und den Sowjets beschattet. Hieraus ergab sich ein vielmaliges „ Katz und Mausspiel“ weil die Besatzungen natürlich ihre Verfolger abzuschütteln versuchten.
Gegenüber der Mission hatte das MfS in
einer Villa, die offiziell einem Arzt gehörte, einen Beobachtungspunkt eingerichtet, von wo aus alle Überwachungsmaßnahmen geleitet wurden.
Nach dem Mauerfall waren Angehörige des britischen Geheimdienstes mit dabei, als die
Stasizentrale in Ostberlin von Bürgerrechtlern gestürmt wurde, und sicherten sofort diskret alles Material über die Verbindungsmissionen
Bei der Auswertung dieses Materials war die Überraschung groß, als man erkennen musste, wie
gewissenhaft die Gegenseite bemüht war, alles an Informationen über die Aktivitäten der Missionen zu ergattern, was irgendwie.
Möglich war, vor allem, was die Erkundungsfahrten betraf.
Hauptziel der Einsätze waren die Erkundung von
Maßnahmen und Veränderungen im Bereich der GSSD, die für einen eventuellen V- Fall Indizien liefern könnten. Nebenbei wurden strategisch wichtige Objekte in der sowjetischen Besatzungszone erfasst.
Übernachtet wurde im Fahrzeug,
Beherbergungsstätten wurden generell nicht genutzt, es sei denn, dass man einen protokollarischen Auftrag wahrnahm. Protokollarische Kontakte zur GSSD (Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) waren die zweite Hauptaufgabe der
MMFL.
Bis auf die Jahre 1979 – 1985 (Afghanistankrieg) waren diese Kontakte verhältnismäßig intensiv, da es immer wieder in irgendwelchen Dingen Abstimmungsbedarf gab, sei es nur die Betreuung französischer Familien, die auf der
Transitstrecke eine Panne oder einen Unfall erlitten hatten.
Erst nach der Auflösung der französischen Verbindungsmission am 31.12.1990 drangen einzelne Informationen über ihre bis dahin streng geheime und gut abgeschirmte Arbeit an die
Öffentlichkeit. Durch Zeugnisse ehemaliger Angehöriger haben wir heute endlich die Möglichkeit, ein wenig hinter die Kulissen zu blicken und die Notwendigkeit dieser Einrichtung mit anderen Augen zu sehen, vor allem aber ihren Wert im
Frühwarnsystem der Westalliierten zu würdigen. Die drei Verbindungsmissionen waren in der Welt einmalig und ermöglichten es im kalten Krieg, trotz aller Geheimhaltung einen Blick in das Herz des Gegners zu werfen. Für die Deutschen in
Ost und West war es schwierig, sich damit abzufinden, dass fremde Mächte trotz Souveränität der beiden Staaten Kontrollfunktionen ausüben konnten, die sie qua Besatzungsrecht tolerieren mussten. Auch die Staatsmacht der DDR hat nach
Anerkennung ihrer Souveränität durch den Westen 1973 von den Sowjets nicht das Recht erhalten, die Angehörigen der Verbindungsmissionen zu kontrollieren und ihr Recht auf sie auszuüben. USML, Brixmis und MMFL haben bis ihrer Auflösung 1990
beflissentlich jeden Versuch von Seiten der Exekutivorganen der DDR, ihnen gegenüber tätig zu werden, ignoriert.
Schon etliche Jahre vor der KSZE mit ihren Folgetagungen in Stockholm 1986 und Wien 1990 und 1992 konnte man den Eindruck
gewinnen, dass die ehemaligen Siegermächte bemüht waren, auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens, aber auch der gegenseitigen Kontrolle, Gleichgewicht, Stabilität und damit den Friedens in Zentraleuropa zu erhalten. Die Arbeit
der Missionen hätte zwar einen Angriff des Warschauer Paktes nicht verhindern können, aber sie hätte das Überraschungsmoment massiv herabgesetzt. Die Westmächte gewannen präzise Informationen über die Kapazitäten und Möglichkeiten, sowohl
der GSSD, als auch der Sowjetarmee überhaupt. Damit waren sie der wichtigste Bestandteil des westlichen Frühwarnsystems.
In seltenen Fällen war die Zusammenarbeit mit anderen Missionen für die Franzosen leicht getrübt. Im Mai 1981 z.
b. trat der Chef der Brixmis an seinen französischen Kollegen heran und teilte ihm folgendes mit:“ Seit gestern habt Ihr eine sozialistische Regierung. Im Kabinett sitzen 3 kommunistische Minister. Wir teilen Euch nichts mehr mit,
denn wir müssen ja fürchten, dass es morgen Moskau weiß!“ Gott sei Dank konnten auch diese Bedenken ausgeräumt werden. Es herrschte immer eine gewisse Wettkampfatmosphäre, wer die neuesten Entdeckungen gemacht hat oder als
erster Neues Kriegsgerät identifiziert hat.
Die Franzosen beneideten Briten und Amerikaner wegen ihrer großzügigen Infrastruktur.
Die Erfahrungen aus den Einsätzen und direkten Kontakten zum Gegner, die sonst nirgendwo möglich waren,
haben die ehemaligen Angehörigen der Verbindungsmissionen nachhaltig bereichert und geprägt. Vielen von ihnen hat das hier erworbene Fachwissen die Tür zu einer großen Karriere geöffnet. Zumindest wird ihnen die Zeit bei der MMFL, der USML
oder der Brixmis nachhaltig als ein Meilenstein ihres Lebens in Erinnerung bleiben, und ihre Erkenntnisse werden zukünftigen Generationen zugute komme
Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Michael Boller. Vervielfältigung nur mit Erlaubnis des Autors.
Quellen: D. Trastour: La guerre sans armes
D. Dalgot, G.Rosso : Sentinelle de l’occident, la MMFL


Dieses Buch, herausgegeben vom Friedrich Jeschonnek, Dieter Riedel, William Durie und empfohlen von der Section Berlin der Ehemaligen des 11. Jägerregimentes, ist erhältlich im:
Alliierten Museum
OUTPOST
Clayallee 135
14135 Berlin
BERLIN VERLAG Arno Spitz GmbH ISBN 3-8305-0290-7
Format : 17 x 24 cm 637 Seiten
Ab 2007, 2. überarbeitete Auflage
BWV BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG
ISBN-13 : 978-3-8305-0397-2
ISBN-10 : 3-8305-0397-0
Format : 17 x 24 cm 630 Seiten

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